Ein Pädagoge alter Schule


Ein Pädagoge alter Schule voll frischem Geist - Gedanken zum Tod unseres ersten Schulleiters Heinrich Ingenlath

Völlig unerwartet verstarb am 24.08.2019 unser erster Schulleiter Heinrich Ingenlath. Obwohl ein Pädagoge alter Schule, war er begeisterungsfähig für neue Ideen und Konzepte. Er hat an entscheidender Stelle unsere weiterführende Schule mit aufgebaut. Dafür gilt ihm unser höchster Respekt und tiefe Dankbarkeit.

Sein hohes Engagement, welches auf einem tiefen katholischen Glauben beruhte, und seine gleichzeitig bescheidene Art, werden uns unvergessen bleiben. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau und seinen beiden erwachsenen Söhnen. Als Schulgemeinschaft erinnern wir uns mit Dankbarkeit an seine Aufbauarbeit (vgl. S. 7 der Ausgabe 2 Lebenswerte Schule) und schließen ihn in unsere Gebete ein.

Heinrich Ingenlath wurde 1941 geboren und wuchs mit drei Brüdern an der Müritz auf. Schon früh verlor er seinen Vater im Krieg. Er war ein sehr guter Schüler. In Güstrow studierte er Mathematik, Physik und Technik und war seit 1968 Lehrer in Rostock, was für einen Christen in der DDR nicht immer einfach war. So kam er mehrmals mit dem Staat in Konflikt, als er sich zum Beispiel erfolgreich dagegen wehrte, dass seine Söhne Jugendweihe machen sollten. Diese Standhaftigkeit zeichnete ihn aus.
Außerdem konnte die staatliche Schule zuletzt nicht auf seine hohe fachliche Kompetenz verzichten.
Nach der friedlichen Revolution 1989 leitete er die Rostocker Borwin-Schule, die Heinrich-Schütz-Schule und von 2005 bis 2008 die erst entstehende Don-Bosco-Schule.
Die Aufarbeitung des DDR-Unrechts war ihm bis zuletzt eine Herzensangelegenheit. So stiftete er der Schule ein Mauerdenkmal (s. S. 9 der Ausgabe 3 Lebenswerte Schule) und arbeitete gerade daran, dieses restaurieren zu lassen und pädagogisch aufzubereiten. Diese Arbeit werden wir nun weiterführen.
(G. Mengel)

Eine Kollegin erinnert sich:
Als wir 2005 mit 37 Schülerinnen und Schülern und einem ganz kleinen Lehrerteam anfingen, konnten wir uns darauf verlassen, mit Herrn Ingenlath einen sehr erfahrenen Pädagogen und Schulleiter an unserer Seite zu wissen.
Obwohl schon im Ruhestand, ließ er sich auf die große Herausforderung ein und baute an entscheidender Stelle die weiterführende Don-Bosco-Schule mit auf. Dabei ging es bei weitem nicht nur um den ganz normalen Schulbetrieb, sondern vor allem um Ideen und Konzepte, wie es in Sachen Schulentwicklung und Schulneubau weitergehen sollte. Und hier zeigte sich Herrn Ingenlaths besonderes Organisations- und Improvisationstalent. Es mussten von Jahr zu Jahr im provisorischen Schulgebäude an der Erich-Schlesinger-Straße weitere Räume erschlossen, Möbel und Schulmaterialien beschafft und junge Kolleginnen und Kollegen von der Don-Bosco-Idee begeistert werden. Und wenn manchmal gar nichts mehr ging, hatte Herr Ingenlath immer einen ausreichenden Vorrat an Trauben-Nuss-Schokolade in seiner Schreibtischschublade...
Besonders gerne erinnern wir Kolleginnen und Kollegen uns auch an den zweiten Lehrer-Einsatz-Plan, den wir gemeinsam mit unserem Chef auf eine alte Tapete klebten, leider ist diese während unseres Umzugs in das neue Schulgebäude verlorengegangen.
Neben den genannten organisatorischen Fähigkeiten hat uns besonders das hohe Engagement des Vollblutpädagogen beeindruckt, wenn es um die Förderung von Schülerinnen und Schülern ging, denen das Lernen schwer fiel. Die zusätzlichen Mathestunden, die er außerhalb seines Stundendeputats erteilte, um zu helfen, lassen sich wirklich nicht zählen.
Insgesamt kam uns zugute, wie sehr Herr Ingenlath in der Rostocker Schullandschaft vernetzt war, weshalb es ihm in den schwierigen und manchmal unsicheren Anfangsjahren immer wieder gelang, Probleme zu lösen. So war er es auch, der die leider viel zu früh verstorbene Kollegin Andrea Steiner als Musiklehrerin engagieren konnte, sodass wir mit ihrer Hilfe auch in den ersten Jahren schöne Konzerte auf die Bühne zaubern konnten.
Die sicherlich beeindruckendste Leistung unseres so plötzlich verstorbenen ehemaligen Schulleiters bestand aber sich darin, neben den „ganz normalen" Alltagsaufgaben auch den Schulneubau mit angestoßen und in ungezählten Sitzungen mit den Entscheidungsträgern der Bernostiftung grundlegende Überlegungen abgestimmt zu haben. Und als nach den ursprünglich geplanten zwei Jahren als erster Schulleiter noch ein drittes nötig wurde, weil es sonst niemand hätte machen können, blieb er sich wieder treu und ließ sich in die Pflicht nehmen. Herr Humpert konnte insofern schon einen funktionierenden Schulbetrieb übernehmen.
Neben diesen beruflichen Qualitäten fanden die Kolleginnen und Kollegen der Anfangszeit aber auch die christliche Motivation glaubwürdig, aus der heraus Herr Ingenlath für die Weiterführung der Don-Bosco-Grundschule als Kooperative Gesamtschule eingetreten ist. Er war nicht nur ein gewissenhafter Schulleiter, sondern auch ein Katholik mit einer klaren Haltung.

Eine andere Kollegin ergänzt:
Stets mit einem unverwüstlichen Optimismus ausgestattet wirkte er schon im Arbeitskreis „weiterführende Schule" mit und war Herrn Weßler, der von „außerhalb" kam, mit seinen guten Kontakten in der Stadt und beim Schulamt eine große Stütze. Er ließ sich nicht abwimmeln und übertrug seine Zuversicht immer auch auf uns.

Herr Ingenlath schien immer voller Freude über dieses „Projekt" zu sein, das er nach seinem offiziellen Ruhestand vom staatl. Schuldienst nun mit großem Engagement in Angriff nehmen konnte. Tief war seine Erleichterung, als gläubiger Christ wirken zu dürfen, ohne dafür in Schwierigkeiten seitens einer unterdrückenden Staatsmacht zu geraten.
Im Schulalltag dann erlebten wir ihn stets offen und zugewandt, was sich schon an der meistens geöffneten Bürotür des wohl kleinsten Schulleiterbüros aller Schulen zeigte. Er war mit uns drei Anfangslehrerinnen gemeinsam auch „das Sekretriat".
Gelernt hat er selbst auch noch viel in diesen drei Jahren. Offen und neugierig setzte er sich mit den Problemen auseinander, die so anstanden. Als ehemaliger Schulleiter war er sich auch nicht zu schade, uns um Rat zu fragen, z.B. dazu, wie man denn am besten mit Schülern arbeite, die eher lernschwach waren. Seine Zusammenarbeit mit Schwester Birgit, damals noch Leiterin unserer Grundschule, war von Vertrauen und Herzlichkeit geprägt. Eigentlich waren sie ganz am Anfang sogar ein Zweiergespann, weil wir auch sehr von der Grundschule profitierten.
Herr Ingenlath als Chef war stets auch Herr Ingenlath als fürsorglicher Kollege. Er erkundigte sich immer, wie es uns geht, sorgte sich um unsere Gesundheit, indem er z. B. Sanddornbeeren ins Lehrerzimmer stellte und hatte ein offenes Ohr. Ihm haben wir eigentlich nie angemerkt, wenn es ihm mal nicht so gut ging. Wir wussten nur um bestimmte Dinge.
Und als noch in den Kinderschuhen der weiterführenden Schule eine der wenigen Kolleginnen schwanger wurde, reagierte er sehr spontan und warmherzig mit der Aussage, dass er sich ja schließlich als Christ über jedes Kind freue, das auf die Welt kommen wolle. Also, kein Problem, wie so oft.
Man kann sagen, dass Herr Ingenlath ein echter Fels in der Brandung war, als es in den turbulenten Anfangsjahren um die Umsetzung der Idee der weiterführenden Schule ging.





powered by webEdition CMS